Die tadschikischen 230
Manchmal versucht man, einer unnötigen Gefahr aus dem Weg zu gehen, nur damit sie einen kurz darauf aus einer ganz anderen Richtung erwischt.
Kurz nachdem ich beschlossen hatte, nicht durch Afghanistan zu reisen, wo nach dem Abzug der Amerikaner wieder die Taliban herrschten, saß ich in einem Hostel in Duschanbe fest und wartete auf mein Flugzeug. In der Hauptstadt Tadschikistans gab es nicht allzu viel zu sehen, also dachte ich über die Ereignisse der letzten Tage nach.
Die Fahrt durch den Wakhan-Korridor war eine bizarre Mischung zusammenhangloser Ereignisse gewesen. Einst führte die Seidenstraße durch dieses Tal, und wahrscheinlich kam auch Marco Polo auf seiner Reise nach China hier vorbei. Heute ist der Korridor eine halb vergessene Einöde im Grenzgebiet zwischen China, Tadschikistan und Afghanistan. Zum ersten Mal schlief ich direkt im Bus, zusammen mit den Passagieren und dem Fahrer. Wir erinnerten ein wenig an eine Gruppe mitten im Winter. Ich besuchte eine einheimische Hochzeit, war aber irritiert, wie kühl der Bräutigam blieb und dass er überhaupt nicht feierte. Jeden Tag beobachtete ich auf der anderen Seite des Flusses vorbeifahrende bewaffnete Taliban und ihre Pickups mit schweren Maschinengewehren. Auch auf der tadschikischen Seite marschierten ganze Gruppen Bewaffneter.
Obwohl ich ein Europäer in Zentralasien war, stimmte ich mit einem einheimischen Hotelier nostalgisch darin überein, dass wir einst gemeinsam Teil desselben sowjetischen Imperiums gewesen waren. Dabei wurde ich erst nach dessen Zerfall geboren. Ich trampte mit einer russischen Expedition, die mich abends mit Wodka bis zur Besinnungslosigkeit abfüllte. Auf dem Rückweg hielt ich zur Abwechslung den amerikanischen Botschafter an, der mich zum Mittagessen mitnahm und dessen Geländewagen sogar hinten beheizte Sitze hatte. Nach Afghanistan, dem Schreckgespenst aller Touristen, traute ich mich jedoch nicht. Neben dem Risiko einer Entführung hätte das auch eine größere Bestechungssumme und mühsames Herumlaufen bei Behörden bedeutet. Also würde ich darüber hinwegfliegen und durch Pakistan weiterreisen.
In Gedanken beschimpfte ich mich gerade als Feigling, als mich jemand im Hostel bat, eine Lampe zur Seite zu schieben. Kaum hatte ich sie berührt, fuhr mir eine starke Vibration von der linken in die rechte Hand. Ein paar Sekunden lang starrte ich ins Leere und verarbeitete die Tatsache, dass ich für einen Moment Teil des lokalen Stromnetzes geworden war. Es war komisch und zugleich ein wenig deprimierend, dass niemand etwas bemerkte und alle weiter ihrem eigenen Kram nachgingen. Zu den aufgestellten Haaren kamen das Gefühl von Herzrhythmusstörungen und unregelmäßige Atmung. Unsicherheit und ein unangenehmes Gefühl ergriffen mich. Ich war mir nicht sicher, wie ernst es war. Aber in einer Stunde fahre ich zum Flughafen, soll ich jetzt hier noch einen Arzt suchen?
In solchen Situationen schreibe ich normalerweise meinem Freund Viktor. Meistens klagen wir einander unser Leid, wenn uns irgendein Mädchen abblitzen lässt. Wir telefonierten, aber eigentlich wusste ich gar nicht, was ich von ihm wollte. Wahrscheinlich nur Trost und ein bisschen Mitleid. Er begann vorzulesen, was das Internet gefunden hatte, und so hörte ich mir eine Aufzählung katastrophaler innerer Verletzungen an Herz, Gefäßen und Nervensystem an. Ich sagte ihm, dass ich zum Flughafen fahre und dann eben im Flugzeug sterbe. Wir lachten beide ironisch und machten uns über die Situation lustig. Das beruhigte mich.
Aus Sorge um meine Sicherheit war ich den bis an die Zähne bewaffneten Taliban ausgewichen, nur damit mich dann beinahe eine Lampe umbrachte. Noch bevor das Flugzeug abhob, hörte die Rhythmusstörung auf, und ich wusste, dass ich weiterreisen konnte.